Interview mit Andreas Hommelsheim



1953 in Berlin geboren, absolvierte Andreas Hommelsheim in den 70er Jahren ein Germanistikstudium, brachte ein parallel laufendes Studium der Schulmusik jedoch nicht mehr zum Abschluss, da er bereits zahlreiche Angebote aus der freien Musikwirtschaft erhielt. Nach einigen Jahren im deutschen Pop- und Schlagerbereich baute er sich ab 1986 allmählich ein kleines Produktionsreich unter dem Label Blackbird auf.

In einem regen Mailaustausch zwischen 2021 und 2023 stellte sich der vielbeschäftigte Mann meinen Fragen, die hier aufgearbeitet und zusammengefasst wurden.


EdiGrieg: Herr Hommelsheim, wenn es um die musikalische Bearbeitung von Zeichentrickfilmen geht, kam man an Ihnen in den 90er Jahren wohl kaum vorbei.
Hommelsheim: Stimmt!

EdiGrieg: Ausgehend von den großen Trickfilmklassikern waren Sie als musikalischer Leiter von 1989 bis 1997 bei Disney aktiv.
Hommelsheim: Ich habe damals in den Neunzigern und darüber hinaus für Disney so ziemlich alles bearbeitet, was mit Musik zu tun hatte, teilweise auch als Dialogregisseur. Schneewittchen, Annie, jede Menge Sequels der Klassiker, alle möglichen Winnie Puuh Filme, ganz abgesehen von den unzähligen Fernseh- und DVD-Projekten.

EdiGrieg: Wann genau begann Ihre Zusammenarbeit mit Disney? Peter Krause erzählte mir, dass er bereits 1988 begann, Donald Duck seine Stimme zu leihen, also zu einer Zeit, als die Disney Character Voices, Int. noch gar nicht gegründet wurde. War 1988 auch Ihr Einstiegsjahr? Wie kam es zu der Zusammenarbeit? War es eine Art Ausschreibung, kam man auf Sie zu oder hatten Sie sich in irgendeiner Form "beworben“?
Hommelsheim: Ich hatte mir damals schon als Musikproduzent einen Namen gemacht. Man kam mit dem Film "Oliver & Co." auf mich zu und bat mich um meine Hilfe, die deutsche Version mit namhaften Interpreten vernünftig zu produzieren. Nach Fertigstellung kam von Disney aus Burbank der Kommentar, dass die Songs in der deutschen Version erstmalig richtig gut und nach Musik klängen. Von da an konnte ich mich vor Aufträgen kaum noch retten, nicht nur von Disney. In der Folge habe ich dann Aufträge von fast allen großen Auftraggebern erhalten - Warner, Paramount, Universal, Fox, später Dreamworks, und und und.


(v.l.: Frank Lenart, Nikki Rabanus, Hommelsheim)

EdiGrieg: Nikki Rabanus übernahm nach eigener Aussage 1991 die Leitung der DCV-I. Wer saß eigentlich vorher dort auf dem Chef-Sessel? Vielleicht Collin McMahon?
Hommelsheim: Nein, Collin kam, wenn ich mich recht entsinne, sehr viel später dazu. Bis 1991 wurde Disney von Warner repräsentiert. Hier in Deutschland hieß unsere Ansprechpartnerin Ilse Picard.

EdiGrieg: Die Neubearbeitung der klassischen Disney-Cartoons begann in den 80er Jahren bei Michael Eiler, für die musikalische Bearbeitung wurde dann das Blackbird-Studio hinzugezogen. Laut einem Eintrag auf Disney+ haben Sie hier gelegentlich auch selbst Liedertexte verfasst. Hatten Sie mit Rainer Martens Hand in Hand zusammen gearbeitet oder gingen die Arbeiten streng getrennt voneinander vonstatten?
Hommelsheim: Mit Rainer verstand ich mich immer gut. Entweder ich konnte seine Textvorschläge verwenden oder ich habe sie umgetextet wenn nicht komplett selbst geschrieben, je nachdem. Das lief alles ganz zwanglos ab.


Frage 3: Frank Lenart erzählte mir, dass er sich mit kleineren Projekten quasi bewähren durfte/musste, bevor man ihm die großen Trickfilme überließ. Sowohl er als auch Nikki Rabanus erwähnten dabei den Cartoon "Willi, der singende Wal" als erste Arbeit, auf welche beide auch besonders stolz sind. Eingesprochen und -gesungen von Donald Arthur ist diese Arbeit auch wirklich grandios. War dieser Cartoon vielleicht auch Ihr "Einstieg" in die Welt Disneys? Bzw. haben Sie noch eine Erinnerung an Ihr erstes Disney-Projekt?
Hommelsheim: Ich meine mich an "Willi, der singende Wal" zu erinnern, aber bei mir war der Werdegang eben anders. Ich hatte erst alle Hände voll mit Kinoproduktionen zu tun und dann kamen ganz rasch auch immer mehr Fernseh- und DVD-Produktionen hinzu. Von Disney habe ich übrigens sehr die Silly Symphonies geschätzt. Jeder kleine Musik-Clip ein Kleinod. Ich durfte zum Glück jeden kleinen, ca. 7min. Film mit sehr viel Liebe und Sorgfalt produzieren.

EdiGrieg: Einen Cartoon mit dem ellenlangen Titel "Johnny Fedora und Alice Bluebonnet" muss ich explizit heraus greifen. In diesem Kurzfilm geht es um zwei verliebte Hüte, die voneinander getrennt werden und am Ende auf den Köpfen zweier Pferde wieder zusammen finden. Im Original sangen hier einst die Andrew Sisters, in der alten französischen Fassung Edith Piaf. Auch hier ist die deutsche Bearbeitung exzellent. Hatten Sie auch hier Ihre "Finger" im Spiel? Und wenn ja, ist es eine Herausforderung für einen versierten Musiker, die 40er Jahre (oder eine andere Epoche) wieder zum Leben zu erwecken?
Hommelsheim: Um ehrlich zu sein weiß ich es nicht mehr; ich habe so unglaublich viel gemacht. Aber ja, ich habe die Andrew Sisters und auch diese so genannten BarberShop Chöre sogar öfter synchronisiert. Das waren ganz großartige Sänger. Oft gab es leider keine Noten dazu und dann musste ich das alles erst einmal raushören und notieren. Das waren immer sehr anspruchsvolle Aufgaben.

EdiGrieg: Einem Interview mit Thomas Amper entnahm ich, dass bei choralen Gesängen durchaus ein Ensemble von bis zu 20 Personen herangezogen wurde und wird. Aus welchem Pool kamen die unbekannten "Masse-Sänger/innen"?
Hommelsheim: Ich hatte mir eine feste Studiosänger-Truppe über die Jahre zusammen gestellt. Diese bildeten einen Teil des Chor Fundaments. Darüber hinaus habe ich mir immer Projekt-bezogen eine Reihe von zusätzlichen Stimmen geholt, die mir die speziell gewünschte Farbe für das ein oder andere Projekt verschafften - bis hin zum Opernchor der deutschen Oper Berlin und vielen anderen, je nach Bedarf. Im Gegensatz zu anderen Synchronisationen war es mir bis heute immer sehr wichtig, nicht nur schön singen zu lassen, sondern auch das Schauspiel mit dem Gesang zu verbinden. Das macht aus meiner Sicht einen großen Unterschied. In vielen Synchros heutzutage vermisse ich diese Komponente.

EdiGrieg: Haben Sie Gesangs-Castings selbst durchführen dürfen, z.B. bei den Musen aus Hercules?
Hommelsheim: Selbstverständlich habe ich für sämtliche Castings Sprecher/Sänger vorgeschlagen und die Castings immer selber durchgeführt. Die Ergebnisse mussten dann in Burbank von Disney approved werden, aber wir hatten in späteren Jahren auch Mitspracherecht ... ich jedenfalls. Schwieriger wurde es dann, wenn die Marketing-Abteilung irgendwelche "Stars & Sternchen" vorschlugen. Da ging es dann immer öfter um den Bekanntheitsgrad und weniger um Qualifikation.

EdiGrieg: Bleiben wir bei den abendfüllenden Filmen. Hatten Sie die Liedertexte Ihrer Kollegen Klaus-Peter Bauer, Lutz Riedel und Frank Lenart bereits fertig erhalten, um sie musikalisch umzusetzen oder gab es bereits beim Verfassen der Texte eine Zusammenarbeit?
Hommelsheim: Ich durfte selbstverständlich immer meine Meinung äußern und um Änderungen bitten, wenn ich es für nötig hielt.

EdiGrieg: Gegenüber einem Heinrich Riethmüller, der sich damals kreativ ausleben durfte, sah und sieht es unter der Aufsicht der Disney Character Voices, Int. wohl etwas anders aus. In Punkto "Eigeninitiative" fand Frank Lenart in einem Interview dazu auch klare Worte. Nun ist die Übersetzung von Songtexten bestimmt noch einmal verzwickter als reiner Sprechdialog (Rhythmik, Koloratur, langgezogene Vokale etc.). Inwieweit hatten Sie Mitspracherecht, wenn Ihnen bei den Vorgaben etwas nicht gefiel; durften Sie in einem bestimmten Rahmen selbst kreativ werden und Änderungen vornehmen? Gab es auch mal "Zoff“?
Hommelsheim: Ich hatte mir schon den Ruf von Anfang an erworben, als nicht besonders schüchtern zu gelten, wenn es galt, meine Meinung zu vertreten - auch wenn manchmal nicht alle meiner Meinung gewesen waren. Aber ich muss sagen, das geschah recht bald immer seltener. Man hatte wohl im Laufe der Jahre gelernt, immer häufiger meinem Urteil zu vertrauen.
Bei Pocahontas z.B. durfte ich mit der großen Hilde Knef arbeiten und musste sie zwingen, jeden Ton 1 zu 1 aus dem Englischen zu kopieren. Das fiel ihr an manchen Stellen aber recht schwer. Im Film gibt es drei Parts, an denen die Weide singt. Beim dritten Part habe ich mich durchsetzen können und Hilde erspart, diesen auch noch "kopieren" zu müssen. Statt dessen haben wir das alles recht mühselig zusammen geschnitten und Hilde konnte erleichtert nach Hause gehen. Im Film klang natürlich dann alles so, wie es sein sollte. Ich wusste eben auch nicht, was ich entgegnen sollte, als sie zurecht fragte, weshalb man sie engagiere, wenn sie doch nicht wie Hilde klingen soll, sondern wie irgend eine Studiosängerin. Sie war immerhin ein Weltstar, das war mir schon unangenehm.

EdiGrieg: Ich war und bin immer wieder erstaunt, was für ein Gesangstalent so mancher Schauspieler bei Disney an den Tag gelegt hat. Joachim Kemmer, Peer Augustinski und besonders hervorgehoben Klaus-Jürgen Wussow. Musste hier im Vorfeld auch schon mal trainiert werden oder sind viele Leute aus der Schauspiel-Branche einfach Naturtalente?
Hommelsheim: Wie immer im Leben gibt es "Sohne und Solche"! Joachim Kemmer z.B. war in meinen Augen einer der großartigsten Schauspieler, mit denen ich arbeiten durfte. Dass man unsere wunderbare Arielle-Fassung mit ihm und Ute Lemper irgendwann durch eine (aus meiner Sicht) nicht so schöne ersetzte, hatte mich damals fassungslos gemacht. Übrigens nicht nur mich, sondern auch ein sehr großes Publikum, wie man ja heute noch im Netz nachlesen kann. Keine Ahnung, was man sich dabei gedacht hatte.
Augustinski war auch ein ganz Großer, in jeder Hinsicht. Wussow war ein guter Schauspieler mit toller Stimme. Für seinen Gesang musste ich schon eine Menge mit ihm proben, letztlich hat er es aber ganz gut hinbekommen.

EdiGrieg: Eine freche Frage: Hat Herr Wussow das langgezogene "lichterlooooh" am Ende wirklich so lange durchgehalten oder wurde da im Studio auch mal getrickst?
Hommelsheim: Betriebsgeheimnis!

EdiGrieg: Welche der Arbeiten an den abendfüllenden Trickfilmen war für Sie die größte Herausforderung / hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Hommelsheim: Kann man schlecht vergleichen. Die tollsten Musikfilme, die ich bearbeitet habe, waren auch nicht alle von Disney. So habe ich z.B. für "Der Gigant aus dem All" neben der musikalischen Bearbeitung auch als Supervisor für Warner Bros. in verschiedenen Ländern gearbeitet. Selbiges tat ich für Dreamworks' "Der Prinz von Ägypten". Ansonsten würde ich hier nennen: Phantom der Oper, Charlie und die Schokoladenfabrik, Der König der Löwen, Die Schöne und das Biest, Der Glöckner von Notre-Dame, wie schon gesagt die Silly Symphonies, Charlie und die Schokoladenfabrik, Die Animaniacs (TV), ach und so vieles mehr.

EdiGrieg: Haben Sie selbst einen persönlichen Lieblingsfilm von Disney?
Hommelsheim: Na ja, Annie, Die Schöne und das Biest, Der Glöckner ... ach, es sind doch eine Reihe!

Frage 10: Viele Fans beklagen ja die Qualität der neuen Synchronfassung von Arielle oder Schneewittchen, selbst jene, welche die alten Fassungen nie gehört haben. War Schneewittchen für Sie eine Arbeit wie jede andere auch oder sind Sie anhand des Alters des Films anders an die Arbeit gegangen?
Hommelsheim: Ich habe ja schon weiter oben etwas dazu gesagt. Für Schneewittchen hatte ich die große Ehre, mit dem damaligen kreativen DCV-I Oberhaupt von Disney, Blake Todd, ca. zwei Wochen zusammen arbeiten zu dürfen. Er kam deshalb extra nach Berlin. Wir haben damals eine Fassung aus verschiedenen Jahrzehnten zusammen geschaffen. Diese sollte für Kinder etwas weniger brutal und mit einer einfacheren, kindlicheren Sprache synchronisiert werden. Man hatte zu dieser Zeit die Kinder als eigenständigen Markt entdeckt. Außerdem gab es in der 66'er Synchro über die vielen Jahre eine Menge technischer Mängel. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich es bei der 60er-Jahre-Fassung gelassen, aber das ging leider nicht. Wir haben uns damals auch sehr darum bemüht, Teile aus der Synchro 1938, aus dem amerikanischen Original und der 66'er Fassung nahtlos und nicht nachvollziehbar zu einer Einheit werden zu lassen.

EdiGrieg: Sie haben ja selbst eine sehr angenehm sonore Stimme und laut der Synchronkartei auch hin und wieder kleinere Rollen eingesprochen. Durften Sie sich mit einer kleinen Minirolle (sprachlich/gesanglich) auch in einer Disneyproduktion verewigen?
Hommelsheim: Nicht, dass ich mich erinnern kann. Ich hatte, im Vergleich zu anderen, auch niemals das Bedürfnis, mich irgendwo verewigen zu müssen.

EdiGrieg: Was war später der Grund für das Ende Ihrer Zusammenarbeit mit Disney?
Hommelsheim: Es gab ein Intermezzo im Jahre 1998. Meine Synchronfirma Blackbird Music befasste sich inzwischen nicht mehr nur mit Musikbearbeitungen, sondern wie andere Synchronfirmen auch mit der kompletten Synchronisation von diversen Projekten. In den Anfängen hatte ich ja immer hauptsächlich als Freier für die Musikbearbeitung anderer Firmen gearbeitet. 1998 hatte man mich von Dreamworks dafür gewonnen, die deutsche Fassung von "Der Prinz von Ägypten" mit meiner Firma Blackbird Music zu synchronisieren, aber persönlich auch als Supervisor den gleichen Film in Frankreich, Italien, Spanien und Israel zu betreuen. So arbeitete ich direkt mit Hans Zimmer als meinem "Boss". Hat mir großen Spaß gemacht. Als besonders herausragend fand ich in diesem Zusammenhang, mit Ophra Haza und vor allem auch in Italien mit dem Chor des Papstes, Santa Cecilia, arbeiten zu dürfen.
Disney fand das allerdings nicht so gut und gab mir in dieser Zeit keine Aufträge mehr, was sich allerdings auch recht schnell wieder legte. In dieser Zeit (in etwa 1998 - 2001) wurde ich auch als Supervisor für Warner-Filme in alle Winkel der Welt geschickt. Ich habe das als sehr bereichernd empfunden und gelernt, wie man Dialoge und Musik in den unterschiedlichsten Sprachen (chinesisch, japanisch, türkisch, spanisch, hebräisch, französisch, griechisch, usw.) geschmackvoll klingen lassen kann.

Im Jahr 2008 habe ich meine Firma an SDI Media verkauft, sie aber noch weitere drei Jahre als Geschäftsführer weiter geleitet. Ab diesem Zeitpunkt erhielt ich keinen Auftrag mehr von Disney.


EdiGrieg: Ihre Tochter Shir Aviv hatte ja die Lilo zu einer Zeit gesprochen, wo Sie selbst gar nicht mehr für Disney gearbeitet hatten. Gibt es dazu vielleicht eine nette Geschichte? War sie öfters mal dabei, wenn "Papa" Disney-Sachen gemacht hatte?
Hommelsheim: Ja! Ihre erste Rolle hatte sie mit 5 Jahren bei mir in einem Film namens
"Balto - Ein Hund mit dem Herzen eines Helden" *. Heute arbeitet sie, nach einigen Jahren der Suche, als Produktionsleiterin bei einer der renommiertesten Synchronfirmen Deutschlands. Das ist wunderbar, denn manchmal arbeiten wir auf diese Art zusammen.
[*Anm.: Satz von mir korrigiert. Herr Hommelsheim war ursprünglich der Meinung, es handle sich um "Charlie - Alle Hunde kommen in den Himmel".]

Hommelsheim: Übrigens, ich bin gerade im Endstadium für einen Mega Disney Film, der Dir viel Freude bereiten wird: 100 Jahre Disney. Irgendwie hat die Mäusefamilie gemeint, mich reaktivieren zu müssen, weil angeblich nur einer es so kann wie ich. Na ja, was soll man dazu sagen?


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