Kleiner Micky Grosse Maus

Deutscher Kinostart: 1.7.1976 (20th Century Fox)
Laufzeit: 70 Minuten

Die Zusammenstellung des Films ist durch die FSK-Karte nachgewiesen.

- Flowers and Trees (1932)
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The Tortoise and the Hare (1934)
- Three Orphan Kittens (1935)
- The Country Cousin (1936)
- The Old Mill (1937)
- Frank Duck brings 'em back alive (1946)
- For whom the Bulls toil (1953)
- The Legend of Coyote Rock (1945)
- Lend a Paw (1941)


(alternatives Plakat)

(die Plakat-Vorlage)

(Neues Film-Programm Nr. 6971)

Das Forschen nach einem Original, parallelen VÖs anderer Länder und sicheren Quellen

Die Idee, sämtliche Oscar-nominierten Cartoons zu einem Film zusammen zu schustern, hatte Walt Disney schon zu Lebzeiten. Die erste filmische Umsetzung erfolgte am 19. Mai 1937 unter dem Titel Walt Disneys Academy Award Revue. Diese Kompilation diente quasi als Werbematerial für das kommende Großereignis Schneewittchen. Hier waren natürlich lediglich 5 Cartoons zu sehen, da Disney bis dato noch nicht mehr Oscars einheimsen konnte. Die Laufzeit betrug daher ca. 41 Minuten, was den Film nur eine Minute kürzer machte als Saludos Amigos; eine WA unter dem angeblichen Titel erfolgte 1941. In früheren Zeiten listete Disney den Film sogar noch als offizielles Meisterwerk auf. Während die Version von '37 und '41 von einem Off-Sprecher kommentiert wurde, lief eine erneute Wiederaufführung 1966, nun aufgestockt mit 4 weiteren Cartoons, ohne Sprecherkommentare. Der Film nannte sich nun The Academy Award Review of Walt Disney Cartoons.

Eine internationale Verwertung erfolgte anscheinend sporadisch unter diversen Arbeitstiteln wie The Academy Award Shorts Program, Festival of 11 Prizes of Walt Disney oder auch Disneys Oscar-Festival. Die früheste Aufführung erlebte Frankreich/Belgien am 28.6.1967 und mit einem zweiten Anlauf am 18.8.1967; eine Wiederaufführung erfolgte am 21.8.1985. Auf insgesamt 11 Oscars kam die Zusammenstellung, da zu den Cartoons die True-Life Adventures Seal Island (1948) und Water Birds (1952) gezeigt wurden, welche die Academy of Motion Picture ebenfalls vergoldete. Unten rechts das Plakat vom ehemaligen Jugoslawien, das ebenfalls in den 60er Jahren eine Aufführung erlebte.

        
   

Nach eingehender Recherche hat sich herausgestellt, dass es auch in Finnland bereits um 1967 eine erste Aufführung gab (gelbes Plakat). Die Vermutung liegt nahe, dass dies auch für Schweden und Dänemark gelten könnte, aber bisher fand sich darauf kein Beweis. 1971 kam der Film dann nachweislich in allen drei Ländern (erneut) in die Kinos, ebenso wie ein Re-Release 1983 erfolgte.

  
     
  

Bevor ich weiter mache, ein kleiner Zwischenstop. Als Disney die Kompilation 1966 erneut heraus brachte, hatten sich unlängst zwei neue Cartoons in die Reihe der Oscar-Gewinner dazu gesellt. Der eine war Der Führer's Face von 1942, der zweite Toot, Whistle, Plunk and Boom (1953). 1968 kam dann, wenn man ihn noch einen Cartoon nennen möchte, Winnie Pooh and the Blustery Day hinzu, für den Disney posthum 1968 eine goldene Trophäe bekam. Gut, warum Donalds kult-gewordene Nazi-Propaganda nicht in diese Zusammenstellung rutschte, braucht man wohl nicht zu diskutieren und Winnie Puuh kam erst dazu, als die internationale Auswertung schon im Gange war. Warum jedoch das musikalische Kleinod von 1953 nicht mit eingebunden wurde, bleibt eine offene Frage. Eventuell hat er, da er der erste Cartoon in Cinemascope war, rein vom Format nicht hinein gepasst. In Mexiko und Argentinien schien dies allerdings kein Problem zu sein. Hier beinhaltete Festival de los 11 premios de Walt Disney (EA 21.12.1972) nicht nur diesen Cartoon, sondern auch einen Winnie Puuh Streifen, jedoch nicht den Honigbaum, sondern das Hundewetter, was den Film nun endlich zu voller Spielfilmlänge reifen ließ. Das hellblaue Plakat zeigt eine später Aufführung (20th Century Fox), die ich zeitlich überhaupt noch nicht einordnen konnte.

Das letzte Bild rechts zeigt das Kinoplakat Japans, wo der Film wie bei uns 1976 anlief. Über eine Aufführung in Australien konnte ich nichts Genaues herausfinden. Groß Britannien hatte angeblich gar keine Kinoaufführung erlebt, brachte 1993 jedoch beide US-Versionen (1937/41 und 1966) separat auf Video heraus. Auf japanischen Laserdiscs wurden beide Fassungen bereits 1985 auf den Markt gebracht. Italien, wo der Film ebenfalls nie im Kino erschien, holte dies in den 80er Jahren auf VHS nach.

     

Film- und Synchronanalyse

20th Century Fox hatte es sich bei uns wieder einmal besonders einfach gemacht. Statt die Kompilation mit Naturfilmen oder anderem vergoldeten Material zu strecken, wurde für Kleiner Micky Grosse Maus 1976 ein Konvolut zusammen gestellt, dass mit dem ursprünglichen Werk nun gar nichts mehr zu tun hatte. Man tilgte sogar Three Little Pigs, The Ugly Ducking sowie Stier Ferdinand und ersetzte sie wahllos mit anderen Cartoons. Die "Rahmenhandlung" des Originals wurde entsprechend eingesetzt, sprich: vor jedem Oscar-Gewinner wurde eine kurze Szene mit der Goldstatue gezeigt, bei den anderen eben nicht. Das Kinoplakat war dann auch zum "an den Kopf fassen". Natürlich kam die dargestellte Szene aus dem alten Cartoon Shanghaied auch nirgendwo vor. Immerhin hatte man sich bei der Anzahl der Oscar-Statuetten nicht verzählt, es waren tatsächlich sechs preisgekrönte Cartoons zu sehen.

Selbst die VHS-Veröffentlichung Meistercartoons von Walt Disney von 1993 war lediglich eine abgespeckte Version des Originals und mit mageren 7 Filmchen, wie damals üblich, eine ziemliche Geldschneiderei. Neben Stier Ferdinand fehlte diesmal Flowers and Trees. Frank-Otto Schenk trat nun als Off-Sprecher auf, der in den Zwischensequenzen leider auch nichts Interessantes zu erzählen hatte. Als Gegenbeispiel erschien die spanische VHS-Version der "Meistercartoons" MIT Flowers and Trees und Stier Ferdinand.

Inhalt der VHS:

- Three Little Pigs (1933)
- The Tortoise and the Hare (1934)
- Three Orphan Kittens (1935)
- The Country Cousin (1936)
- The Old Mill (1937)
- The Ugly Duckling (1939)
- Lend a Paw (1941)

Bei der Synchronanalyse hat sich ein Cartoon als Schmankerl heraus gestellt, über das ich bis dahin noch gar nicht gefallen war. Vorab klammere ich jedoch erneut die O-Ton Kandidaten aus: Flowers and Trees, The Country Cousin, The Old Mill und Frank Duck brings 'em Back alive (nachgewiesen). Ach ja, der Off-Sprecher in der Kinofassung war kein Geringerer als Friedrich Schoenfelder.

- Three Little Pigs: War hier, wie auch sonst überall, die bis heute unveränderte Ur-Fassung mit Eduard Wandrey als Wolf. So war's natürlich auch 1993 auf VHS.

- The Tortoise and the Hare: .. ist dann das Schmakerl, von dem ich sprach. Die Synchronfassung ist nämlich bis heute überall zu finden, neben der VHS von 1993 z.B. auch auf der DVD-Reihe Disneys Kostbarkeiten u.a.. Doch erst die Filmanalyse hat mir klar gemacht, dass es sich hierbei überhaupt um eine klassische Fassung handelt. Da bislang niemand die Stimmen von Max und Toby identifizieren konnte, ging ich gerade deswegen eher von einer Neufassung aus ... so kann man sich irren. Ohne Anhaltspunkte könnte es sich sogar um eine Fassung handeln, die weitaus älter ist als der Film selbst, sprich älter als 1976. Hier fehlen mir allerdings Daten über einen früheren Veröffentlichungstermin (Forschung läuft).

- Three Orphan Kitten: Der Cartoon wurde im Kino noch im O-Ton gezeigt. Die deutsche Fassung auf der 93'er VHS stammt somit auch aus jener Zeit. Die Haushälterin (Mammy) wurde hier von Eva-Maria Werth gesprochen, das Mädchen wurde noch nicht identifiziert.

- Lend a Paw: In dem preisgekrönten Cartoon sprach in der Kinofassung Wilfried Herbst die Micky Maus. Plutos Engelchen und Teufelchen übernahm Wolfgang Völz. Für das TV-Programm der 80er Jahre wurde diese Synchro bearbeitet; Völz blieb zwar erhalten, für Micky sprach nun jedoch Eckart Dux. Die 1993'er Fassung ist dann die bis heute verwendete Neubearbeitung mit Mario von Jascheroff auf Micky und Thomas Wolff als Engel/Teufel, die ich Abseits meiner eigenen Norm als die gelungenste betrachte ... Herr Wolff ist hier einfach die Wucht!


Zwei Anekdoten zum Schluss. Die eine dreht sich noch mal um The Tortoise and the Hare und geht mal wieder richtig ins Eingemachte. Da es zum Sequel Toby Tortoise Returns (Toby Schildkröt schlägt sie alle) von 1936 ebenfalls eine Synchronfassung gibt (hier mit Wilfried Herbst als Max), schien dies Disney+ vor ernsthafte Schwierigkeiten zu stellen. Aufgrund der unterschiedlichen Stimmen entschied sich die DCV-I anscheinend dafür, beide Cartoons statt dessen lieber gleich im O-Ton auszustrahlen. Der Rattenschwanz geht jedoch noch weiter. In Toby Tortoise Returns spricht Inken Sommer den Charakter Jenny Wren - wie auch im Cartoon Who killed Cock Robin?, der auf Disney+ noch gar nicht erschienen ist. Wilfried Herbst lieh hier seine Stimme einem der angeklagten Vögel. Soll ich weiter machen? Der Cartoon Mickey's Rival wurde unlängst für Disney+ neu synchronisiert. Warum? Weil Wilfried Herbst dort einst den Rivalen Mortimer sprach. Da Mortimer in Mickys Clubhaus jedoch von Reinhard Kuhnert gesprochen wurde, musste natürlich auch Mickey's Rival für Disney+ mit seiner Stimme neu vertont werden. Wäre Mickey's Rival in Mickys Clubhaus gezeigt worden, hätte ich's  sogar noch verstanden, aber so? Als ob das irgend jemandem (außer mir) je aufgefallen wäre.

Kurz vor dem VHS-Release von Meister-Cartoons von Walt Disney wurden großspurig zwei weitere Veröffentlichungen angekündigt: Micky - 1928 bis heute und Donald - 1931 bis heute. Aus diesen beiden Medien wurde jedoch aus ungeklärten Gründen nie etwas. Statt dessen kamen 1997, ganze vier Jahre später, die VHS Mickys größte Hits und Donalds größte Hits heraus, die es bei der Burgerkette McDonalds zu kaufen gab.